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Funktionale Analyse nach Will und Lilly Davis

funktional Analyse

Funktionale Analyse nach Will und Lilly Davis


Wenn der Körper mit uns spricht – eine körperorientierte Psychotherapie

Manche Erfahrungen lassen sich nur schwer in Worte fassen. Wir können verstehen, warum es uns nicht gut
geht, und trotzdem merken wir, dass sich innerlich etwas nicht verändert. Vielleicht steht der Körper ständig unter
Spannung, wir fühlen uns innerlich unruhig, erschöpft oder abgeschnitten von unseren eigenen Gefühlen.
Vielleicht reagieren wir in bestimmten Situationen immer wieder auf eine ähnliche Weise, obwohl wir uns
eigentlich etwas anderes wünschen.
Genau hier setzt die Funktionale Analyse nach Will und Lilly Davis an.


Sie versteht Körper und Psyche nicht als zwei voneinander getrennte Bereiche. Gedanken, Gefühle,
Körperempfindungen, Atmung, Bewegung und unsere Art, mit anderen Menschen in Beziehung zu gehen,
stehen miteinander in Verbindung. Die Funktionale Analyse ist deshalb eine körperorientierte
Psychotherapie
, in der neben dem Gespräch auch die unmittelbare Wahrnehmung und therapeutische Arbeit
mit dem Körper einen wichtigen Platz einnehmen.

Der Körper erzählt seine eigene Geschichte

Unser Körper reagiert auf das, was wir erleben.
Wenn wir Angst haben, halten wir vielleicht den Atem an. Wenn wir uns schützen müssen, spannen wir
bestimmte Bereiche des Körpers an und wenn wir über längere Zeit funktionieren müssen, kann sich eine
dauerhafte innere und körperliche Anspannung entwickeln.
Solche Reaktionen sind zunächst nicht „falsch“. Sie haben häufig eine sinnvolle Funktion: Sie helfen uns, mit
einer Situation zurechtzukommen.
Schwierig kann es werden, wenn eine solche Schutzreaktion lange bestehen bleibt – auch dann, wenn
die ursprüngliche Situation längst vorbei ist.
In der Funktionalen Analyse geht es deshalb nicht darum, den Körper zu „bekämpfen“ oder eine Spannung
einfach wegzumachen. Vielmehr versuchen wir zu verstehen, wie der Körper sich organisiert hat und
welche Funktion diese Organisation für den Menschen einmal hatte oder noch immer hat.

Warum spielt das Bindegewebe eine besondere Rolle?


Ein wichtiger Bestandteil der Methode ist die Arbeit mit dem Bindegewebe, insbesondere mit den Faszien und
den darunterliegenden körperlichen Strukturen.
Das Bindegewebe verbindet und umhüllt unseren Körper. Es gibt Strukturen Halt, ermöglicht Bewegung
und steht in enger Beziehung zu Muskeln und anderen Geweben. In der Funktionalen Analyse wird es darüber
hinaus als eine wichtige körperliche Ebene betrachtet, auf der sich langfristige Spannungs- und Schutzmuster
ausdrücken können. Will Davis beschreibt deshalb die Eigenschaften des Bindegewebes als bedeutsam für die
körperliche und psychische Entwicklung.
Die therapeutische Berührung erfolgt dabei sehr achtsam und nicht mit dem Ziel, etwas gewaltsam zu
lösen. Eine zentrale Technik der Funktionalen Analyse sind Points & Positions, eine sanfte, selbstorientierte
Form der Körperarbeit.
Dabei kann etwas geschehen, das viele Menschen aus ihrem Alltag kaum kennen: Sie richten ihre
Aufmerksamkeit nicht nach außen, sondern beginnen, sich selbst von innen wahrzunehmen.

Was bedeutet „Instroke“?

Ein zentraler Begriff der Funktionalen Analyse ist der Instroke.
Ganz einfach gesagt beschreibt Instroke eine nach innen gerichtete Bewegung und Aufmerksamkeit. Es
geht um den Moment, in dem wir nicht mehr ausschließlich damit beschäftigt sind, was um uns
herum passiert, sondern beginnen, uns selbst wahrzunehmen.
Vielleicht kennen Sie einen ähnlichen Zustand aus einem Moment der Ruhe: Sie sitzen still, atmen etwas
tiefer und bemerken plötzlich Ihren Körper, Ihre Gefühle oder eine innere Ruhe, die vorher im Hintergrund war. In der Funktionalen Analyse wird diese nach innen
gerichtete Bewegung bewusst unterstützt. Durch die Kombination aus therapeutischer Berührung,
Wahrnehmung und Gespräch kann ein Zustand entstehen, in dem die Aufmerksamkeit stärker nach
innen geht und der eigene Körper unmittelbarer erlebt wird. Davis beschreibt den Instroke als einen wichtigen
Zugang zu einer tieferen Selbstwahrnehmung und inneren Organisation.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um eine emotionale Überwältigung oder darum, möglichst starke
Gefühle hervorzurufen
. Die Methode unterscheidet sich gerade von Ansätzen, bei denen eine starke
emotionale Entladung im Mittelpunkt steht.


Die Beziehung zu sich selbst


Ein weiterer zentraler Gedanke der Funktionalen Analyse ist die Selbst-zu-Selbst-Beziehung.
Wir denken häufig darüber nach, wie wir mit anderen Menschen umgehen: Wie sicher fühle ich mich in
Beziehungen? Kann ich Nähe zulassen? Kann ich Grenzen setzen? Habe ich Angst vor Ablehnung?
Will Davis stellt davor noch eine andere Frage:
Wie bin ich eigentlich mit mir selbst in Beziehung?
Kann ich wahrnehmen, was ich brauche?
Kann ich meine Gefühle aushalten, ohne mich sofort von ihnen abzuwenden?
Kann ich meinen Körper spüren, ohne ihn zu bewerten?

Kann ich mir selbst mit Interesse und Freundlichkeit begegnen?
Die Funktionale Analyse betrachtet diese Beziehung zu sich selbst als eine wichtige Grundlage für die
Beziehung zur Außenwelt.
Das kann therapeutisch sehr wertvoll sein. Denn Veränderung bedeutet nicht immer, sich selbst zu
„reparieren“. Manchmal beginnt Veränderung damit,
sich selbst wieder wahrzunehmen und einen verlässlicheren Kontakt zu sich selbst aufzubauen.

Was ist das „Endoselbst“?

Das Endoselbst ist ein von J. A. Davis entwickeltes Konzept, das eine ganzheitliche, verkörperte und
kohärente Subjektivität beschreibt, die a priori, also vor jeder Beziehung zu anderen, existiert. Es handelt sich
um einen ursprünglichen, inneren Zustand des Selbst,
der jeder sozialen oder sprachlichen Entwicklung vorausgeht. Das Endoselbst ist somit die Basis für alle
späteren Beziehungen und psychischen Strukturen.
Kernpunkte des Endoselbst:

  • Präexistente Subjektivität: Das Endoselbst existiert bereits vor jeder Interaktion mit anderen Menschen. Es ist nicht das Ergebnis sozialer Spiegelung oder sprachlicher Entwicklung, sondern ein ursprünglicher Zustand des Selbst.
  • Ganzheitlichkeit und Kohärenz: Es handelt sich um einen Zustand der Einheit, in dem Körper und Geist noch nicht getrennt sind. Psyche und Soma gehen aus diesem ganzheitlichen Selbst hervor.
  • Selbstreferenzialität: Das Endoselbst ist die Quelle aller Triebe, Wünsche und Bewegungen. Es ist selbstreferentiell, das heißt, es bezieht sich in erster Linie auf sich selbst und organisiert Erfahrungen aus sich heraus.
  • Autopoiesis und Selbstregulation: Das Endoselbst ist selbstorganisierend und selbstregulierend. Es sorgt für die Erhaltung und Entwicklung des Organismus und ist die Grundlage für Autonomie und Initiative.
  • Unwandelbarkeit: Dieser innere Kern bleibt trotz aller späteren Erfahrungen, Traumata oder Störungen erhalten. Er ist die Quelle von Sicherheit, Wohlbefinden und Vertrautheit.
  • Präverbal und nonverbal: Das Endoselbst existiert vor der Sprache und ist nicht an sprachliche oder kognitive Prozesse gebunden. Erfahrungen werden auf einer körperlichen, nonverbalen Ebene gemacht.

Die Funktionale Analyse fragt deshalb: Was bleibt, wenn wir für einen Moment nicht funktionieren müssen?
Das Endoselbst bezeichnet in diesem Modell einen tieferen, ursprünglicheren Bereich des eigenen Erlebens
– einen inneren Bezugspunkt, von dem aus Selbstwahrnehmung, Selbstkontakt und neue
Entwicklung möglich werden können. Davis beschreibt diesen Zugang als einen wichtigen Teil des
therapeutischen Prozesses.
Man könnte es auch ganz einfach so sagen:
Es geht darum, wieder Kontakt zu dem Teil in sich zu bekommen, der nicht nur auf das Leben reagiert,
sondern sich selbst wahrnehmen kann.


Wie kann eine Sitzung aussehen?

Eine Behandlung beginnt nicht zwangsläufig mit intensiver Körperarbeit. Zunächst geht es darum,
gemeinsam zu verstehen, was Sie beschäftigt und was Sie verändern möchten.
Im weiteren Verlauf können Gespräch, Körperwahrnehmung, Atmung und achtsame
therapeutische Berührung miteinander verbunden werden. Die körperliche Arbeit wird dabei nicht isoliert
eingesetzt, sondern ist Bestandteil des psychotherapeutischen Prozesses.
Sie behalten dabei Ihre Wahrnehmung und Ihre Grenzen. Es geht nicht darum, etwas zu erzwingen.
Vielmehr entsteht Raum für die Erfahrung:
„Ich kann mich selbst wahrnehmen. Ich kann spüren, was in mir geschieht. Und ich kann lernen,
mit mir selbst anders umzugehen.“


Für wen kann dieser Ansatz interessant sein?

Die Funktionale Analyse kann besonders dann interessant sein, wenn Sie merken, dass rein
verstandesmäßiges Arbeiten nicht ausreicht und Sie einen stärkeren Zugang zu Ihrem körperlichen Erleben suchen.
Sie kann unter anderem eine wertvolle Ergänzung bei Themen sein wie:

  • anhaltender innerer Anspannung und Stress
  • Schwierigkeiten bei der Körper- und Selbstwahrnehmung
  • wiederkehrenden emotionalen oder zwischenmenschlichen Mustern
  • Schwierigkeiten mit Nähe, Abgrenzung oder Vertrauen
  • dem Gefühl, „viel zu verstehen, aber trotzdem nicht wirklich weiterzukommen“
  • belastenden frühen Beziehungserfahrungen und traumatischen Erfahrungen

Dabei steht nicht die Suche nach einer bestimmten „richtigen“ Körperreaktion im Mittelpunkt. Entscheidend
ist die individuelle Erfahrung jedes Menschen.

Körper und Psyche wieder miteinander verbinden


Für mich bedeutet körperorientierte Psychotherapie, den Menschen nicht auf seine Gedanken und Probleme zu reduzieren.
Wir sind Körper und Psyche. Wir denken, fühlen, erinnern, schützen uns und treten mit anderen
Menschen in Beziehung – und all das geschieht immer auch über unseren Körper.
Die Funktionale Analyse bietet einen sanften Weg, diese Verbindung wieder bewusster wahrzunehmen.

Nicht alles, was uns bewegt, muss zuerst in Worte gefasst werden. Manches darf zunächst wieder gespürt werden.
Und manchmal beginnt genau dort ein neuer Zugang zu sich selbst.

Quellen:

  1. www.functionalanalysis.eu
  2. Will Davis „Funktionale Analyse“ (Psychosozial Verlag)
  3. Ursprüngliche Publikation Davis, W. (2016).
    Affective core consciousness, instroke and the endoself. Body, Movement and Dance in Psychotherapy
  4. Ursprüngliche Publikation Davis, W. (2006).
    Instroke, empathy and the therapeutic relationship, Energy and Character.
  5. Matthias Wenke „Im Kern sind wir unverletzt“ (Reinhardt-Verlag)
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